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Rund 200 originale Blockflöten der Renaissance, aus dem Zeitraum von ca. 1500-1650, haben bis heute überlebt. Hiervon befindet sich der weltweit größte Anteil in der Sammlung des Kunsthistorischen Museums in Wien. Obwohl viele Instrumente über die Dauer eines halben Jahrtausendes Veränderungen und Schäden erlitten haben, zeigen uns einige wenige noch gut spielbare Exemplare, mit welch beein­druckender Präzision die damaligen Instrumentenbauer arbeiteten, und wie rund und voll, perfekt intoniert, süß, zentriert und ausgeglichen der Klang dieser Instrumente selbst nach 500 Jahren noch ist.

Herstellerzeichen auf Original­block­flöten, wahr­scheinlich süd­deutsch, Samm­lung Kunst­histo­risches Museum Wien
© Kunsthistorisches Museum Wien

Forschungen zum Blockflötenconsort und seiner Historie - von der Zusammensetzung über Stimmtonhöhe, Instrumententypen und -größen, bauliche Parameter wie Bohrung und Voicing, Höl­zer, Griffweisen bis hin zu Länder-Spezifika, Verbreitung, Wirkungskreis und Repertoire, selbst Instru­men­ten-Etuis und viele andere Faktoren – werden vielerorts konsequent betrieben und zeitigen immer wieder neue Ver­mu­tungen und Ergebnisse.

Originale Blockflöten in den Museen werden mit aufwändigen Methoden vermessen, mittlerweile häufig auch mit Hilfe der Röntgentechnik, welche einen detaillierten Einblick in Innenbohrungen von Ins­tru­men­ten ermöglicht. Neben Untersuchungen über die Hersteller der Instrumente und deren Familien bzw. Dynastien, über ihre Arbeitsweisen, Werkzeuge, Ausbildung und Baupläne existieren auch Analysen der Brand­zei­chen/Her­stel­ler­stempel auf den Instrumenten.

Röntgenaufnahme der Anblaskappe einer Bassetblockflöte, Sammlung Kunsthistorisches Museum Wien
© Kunsthistorisches Museum Wien

Eine für die Praxis sehr wichtige Frage ist: Welche Instrumente, und wie viele, haben wann und bei welcher Musik womöglich zusammengespielt? Einen Anhaltspunkt bilden einige erhaltene Futterale, auf den Millimeter „maßgeschneiderte“, feste Hüllen aus Holz und Leder, in denen die Instrumente perfekt geschützt waren – auch bei längeren Reisen mit der Kutsche und dem Schiff. Hieraus kann man sehr genau die Größe der enthaltenen Instrumente – auch, wenn diese verloren sein sollten – rekonstruieren. Und es ist zumindest nahe liegend , dass die in einem Futteral eingeschlossenen Instrumente auch als „Consort“ zusammengespielt wurden.

Consortblockflöten in ihrem Futteral, Quedlinburg, Schloss

Einen Einblick in den laufenden Diskurs und in die Komplexität dieses Themas gibt eine Äußerung des Instru­menten­bauers Adrian Brown, der die meisten weltweit erhaltenen Renaissance-Instrumente vermessen und auch die Instrumente von PARADIZO gebaut hat:

„Als ein Bauer historischer Instrumente finde ich es wichtig, mit den neuesten musikwissenschaftlichen und organologischen Forschungen möglichst nahe in Verbindung zu bleiben. Durch meine Arbeit in Wien bzw. durch die möglichst authentische Rekonstruktion konnte ich letztendlich verstehen, warum die Instrumente derart gebaut wurden, welche Kompromisse die Bauer dabei eingegangen sind und welche Entscheidungen sie beim Entwurf ihrer Instrumente zu treffen hatten. Ich bemerkte, dass alle Blockflöten aus dieser Zeit im Abstand einer Quint gebaut wurden, eine Tatsache, die sowohl an Originaletuis beobachtet werden kann, aber auch in anderen Museen auffiel. Auch die Traktate zeigen dies sehr deutlich, dennoch ließen die Blockflötenbauer diese Tatsache bis vor ca. 10 Jahren vollkommen außer Acht. Dies mag eine kleine Fußnote in der Musikgeschichte sein, ist aber von großer Bedeutung für das Instrument. Blockflöten, die in Quinten gestimmt sind, klingen vollkommen anders, wenn sie im Consort gespielt werden. Dies hat immense Auswirkungen darauf, wie wir die Instrumente verwenden, und unsere Ideen von Aufführungspraxis umsetzen.“
Zitiert nach: http://www.ensemblemezzaluna.com/MEZZALUNA/progrs_en.html

Für weitere Informationen siehe www.adrianbrown.org