Repertoire für Blockflötenconsort

Die Blockflöte und ihr Repertoire werden im allgemeinen Musikverständnis oft mit der Epoche des Barock verknüpft - nicht ganz zu Unrecht. Sieht man jedoch genauer hin, so zeigt sich, dass die Blütezeit des Instruments, dessen Wurzeln im Mittelalter zu verorten sind, weit früher liegt, nämlich im 15. Jahrhundert, sowie im Consort, als „Ins­tru­mentenfamilie“ gespielt – insbesondere im 16. Jahrhundert. Der Klang der Blockflöte und ihre flexible Ton­qua­lität wurden mit der menschlichen Stimme verglichen. Das Instrument genoss daher, ebenso wie jene, höchste Wertschätzung.


Um was für ein Repertoire handelt es sich? Das 16. Jahrhundert steht für die Emanzipation der Instrumentalmusik von der Jahrhunderte lang domi­nierenden Vokalmusik; hier gelangten spezifisch instrumentale Gattungen, wie z.B. die Canzona, zur kunstvollsten Entfaltung. Die Instrumente hatten zudem einen festen Platz in der Tanzmusik.

Zusätzlich zu diesem „neuen“ Instrumentalrepertoire jedoch konnte der Blockflötist aus dem Vollen schöpfen - es ist belegt, dass zum Repertoire der Blockflötenconsorts auch ein Großteil der Vokalmusik gehörte. Dies ist aus mehreren Gründen schlüssig: zum einen wegen der damals empfundenen Ver­wandt­schaft des Klangcharakters, aber auch aufgrund der simplen Tatsache, dass der Umfang einer Con­sort­blockflöte sowie deren jeweilige Stimmlagen – Superius/Cantus, Contratenor/Altus, Tenor und Bassus – denjenigen der menschlichen Stimme entsprechen.

„Vier Flöten“
Martin Agricola: „Musica instrumentalis deudsch“; Wittenberg, 1529

Eine Vielzahl unterschiedlicher historischer Fakten und Hinweise in unterschiedlichen Quellen (deren Erläuterung im einzelnen hier zu weit führte) legen den Rückschluss nahe, dass einer eindeutigen Terminologie bzw. Festlegung der Besetzung - wie zum Beispiel auch der Frage: instrumental, vokal, oder gemischt? - in der Renaissance wenig (oder keine?) Bedeutung beigemessen wurde. Es zählte wohl eher eine der jeweiligen Situation angepasste Flexibilität – wobei alle komponierten Stimmen eines mehrstimmigen Stückes natürlich vollständig erklingen mussten.

Pierre Attaignant:
Vingt et sept chansons … Faksimile,
(Instrumental)Stimme des Superius

Somit bilden die mehrstimmigen Madrigale, Motetten und Chansons, wie sie heute noch zu tausenden – meist unveröffentlicht – in Europas Bibliotheken schlummern, einen quasi unerschöpflichen Repertoire­fundus des Blockflötenconsorts.

Diese damalige Variabilität der Besetzungen lässt uns auch heute Spielraum für ein Kaleidoskopspiel mit Klangfarben und Registern: Experimente damit, was durchsichtiger, voller, süßer, brillanter, intimer, sprechender, überzeugender … schöner klingt: die 4-Fuß-, die 8-Fuß- oder die gemischte Lage, eine ein­fache Stimmbesetzung, die Verdoppelung aller Stimmen oder nur einzelner – im Unisono oder in der Oktav? Wenn man abwägt, ob und in welcher Lage eine Singstimme dazukommt, ob in Originallage – come sta – gespielt wird, oder in einer der häufigen Transpositionen, zum Beispiel alla quarta oder alla quinta bassa (in Quart- oder Quint-Transposition), und auf welchem Instrument jede einzelne Stimme am besten liegt … dann kann man davon ausgehen, sich mitten im Kosmos einer faszinierenden Musikpraxis und der reichen Blockflöten-Klangwelt der Renaissance zu befinden.

Blockflötenconsort


Informationen zur Thematik u.a. aus:
Peter van Heyghen: „The Recorder Consort in the Sixteenth Century: Dealing with the Embarrasment of Riches“, in: „Musicque de Joye“; Proceedings of the International Symposion of the Renaissance Flute and Recorder Consort Utrecht 2003, STIMU EDITION 2005