Programme

Venezianische Musik aus Tizians Zeit

Musica Veneziana al tempo di Tiziano
Ein musikalisches Gemälde zwischen Renaissance und Barock

Cori spezzati

Bastian Cilese (ca. 1600): „Canzona a Due Chori“
(Canzoni per Sonare con ogni sorte di stromenti. Libro Primo. Venetia 1608)

Motetti

Orlandus Lassus (1532-1594): „Peccantem me quotidie“
(Liber primus sacrarum cantionum quatuor vocum. Louvain 1569)
Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525-1594): „Peccantem me quotidie“
(Motettorum quae partim quinis, partim senis, partim octonis vocibus concinantur. Liber secundus. Venetia 1572)

Madrigali

Orlandus Lassus (1532-1594): „Madonna mai pieta“
(Il primo libro dove si contengono madrigali villanesche. Antwerp 1555)
Philippe Verdelot (ca. 1480-ca. 1532): „Madonna, non so dir tante parole“
(Le Dotte, et Eccellente Compositioni dei Madrigalli … a Cinque Voci. Venetia 1549)
Jacques Arcadelt (ca. 1507-1568): „Perch’al viso d’amor portav‘ insegna“
(Il secondo Libro de madrigali a cinque voci. Venetia 1555)

Canzoni

Claudio Merulo da Corregio (1533-1604): „Canzon Decimaottava“ à 4 & 5 si placet
Girolamo Frescobaldi (1583-1643): „Canzon Vigesimaprima“ à 5
(Canzoni per Sonare con ogni sorte di stromenti. Libro Primo. Venetia 1608)

„Il Divino”

Adrian Willaert (ca. 1490-1562):
Canzoni „O bene mio”, „Vecchie Letrose” (Canzone Villanesche alla napolitana. Venetia 1544)
Madrigale „L´aura mia sacra“ (Musica Nova. Venetia 1559)

Alla „moda francese”

Clément Janequin (1485-1558): Chanson „Martin menoit“ à 4
(Tiers livre contenant xxi chansons. Paris 1536)
Vicenzo Ruffo (1508-1587): Capriccio sopra „Martin menoit“
(Capricci in musica a tre voci … a commodo di virtuosi. Milano 1564)
Andrea Gabrieli (1532-1585): „Martin menoit“
(Canzoni alla francese. Libro quinto. Venetia 1605)

L'arte di Diminuzione …

Cypriano da Rore (1515-1565): Madrigale „Ancor che col partire“
(Il primo libro di Madrigali a quattro voci, Venetia 1547)
Riccardo Rognioni (ca. 1550-1620): Diminuzioni sopra „Ancor“
(Passaggi per potersi esserciare nel diminuire. Venetia 1592)
Giovanni Battista Bovicelli (um 1550-1594) Diminuzioni sopra „Ancor”
(Regole, passaggi di musica, madrigali et motetti passeggiati. Venetia 1594)

… e la commedia

Orazio Vecchi (1550-1605): „Ancor che parturire”
(L´Amfiparnasso. Commedia armonica. Venetia 1597)

Cori spezzati

Claudio Monteverdi (1567-1643):Salmo „Nisi Dominus“ a Due Chori
(Sanctissimae virgini … ac vesperae pluribus decantandae cum nonullis sacris concentibus … Venetia 1610)

Kommentar zum Programm Musica Veneziana

„Venezianische Musik aus Tizians Zeit“ entführt das Ohr in die Zeit von Tizian, Bellini, Tintoretto, Veronese. So zeigt unser Programm viele Facetten und ist dergestalt, im übertragenen Sinne, möglicherweise vergleichbar mit den Palazzi der Lagunenstadt und ihrem unerschöpflichen Vari­an­ten­reichtum?

Das „Entrée“ unseres „musikalischen Palazzo“ bilden explizit für Instrumente komponierte „klassisch“ venezianische Werke wie z.B. die Canzonen von Cilese (doppelchörig), Merulo und Frescobaldi, daneben Orgelcanzonen (Gabrieli), arrangiert für Blockflöten. – Aber ist nicht das Blockflötenconsort, physikalisch gesehen, eine Art „lebendige Orgel“?

Im Salotto des piano nobile erklingen bei der abendlichen Serenata im Freundeskreis fünfstimmige weltliche Madrigale und in der Hauskapelle oder der Pfarrkirche am Sonn- und Feiertag die geistlichen Motetten.

Einen Logenplatz reservieren wir für Adrian Willaert, von seinen Zeitgenossen Il divino – der Göttliche – genannt. Der gebürtige Flame und spätere Maestro di capella an San Marco kreiert mit den volkstümlich-doppelbödigen Canzone napolitane pure Italianità und träumt mit „L´aura“ (Text von Petrarca) einen wohl unsterblichen Traum.

Bereits damals zeigte sich eine Art „Wahlverwandtschaft“ zwischen Venedig und Frankreich (noch heute sind die französischen Touristen eine der stärksten „Fraktionen“ in der Serenissima), z.B. in den ornamentierten und kontrapunktischen Instrumentalbearbeitungen französischer Chansons wie „Martin menoit“ von Clement Jannequin durch die Venezianer Gabrieli und Ruffo (letztere spezifisch für Blockflöten). Dieses erotische Chanson ist in unserem Falle sicherlich dem Ambiente der Camera da letto zuzuordnen …

Das delikat ausgeschmückte, raffiniert bemalte Boudoir bekommt die hochvirtuose und dabei doch immer elegant-dezente Arte di Diminuzione zugeordnet, die Kunst der Diminution, am Beispiel des erotisch-verschlüsselten Madrigals „Ancor che col partire“. Dieses erklingt in schlichter Originalfassung sowie ornamentiert mit sogenannten Diminutionen: schnellen Umspielungen der ursprünglich einfachen Melodie, von Rognoni (mit Blockflöte) und Bovicelli (mit Singstimme). Dieses Madrigal war in seiner Zeit ein „Hit“ – und ein so penetranter „Ohrwurm“, dass es schließlich in einigen Fassungen – wie z.B. im hier zu hörenden „Ancor che parturire“ – verballhornt wurde.

Was wir nicht wissen können: Befinden wir uns mit unserer Bearbeitung des Psalms aus Monteverdis Marienvesper für Blockflötenconsort und zwei Singstimmen am Ende exakt in der Tradition der – nachweislich oftmals Blockflöte spielenden – Kaufleute und Mitglieder der venezianischen Scuole, welche das wunderbare Stück – gerade gestern in San Marco gehört – zum Beispiel auch einmal bei ihrer wöchentlichen Zusammenkunft in der Scuola San Rocco ausprobieren wollten? Zumindest der dortige Saal war sicherlich hierfür sehr geeignet …

Mit ihrer süßen Klangsinnlichkeit und eleganten Virtuosität wurde diese Musik zum Vorbild für ganz Europa. Von Venedig aus ging sie – wie Marco Polo – auf Weltreise.

Die drei Alter des Menschen, Tizian

Da Venezia a Londra – From Venice to London

Musik des „Golden Age”, rund um die Familiengeschichte der venezianisch-englischen
Komponisten-, Instrumentenbauer- und Musikerfamilie Bassano

Venezia

Madrigali

Philippe Verdelot (ca. 1480-ca. 1532): „Madonna, non so dir tante parole“
(Le Dotte, et Eccellente Compositioni dei Madrigalli … a Cinque Voci. Venetia 1549)
Jacques Arcadelt (ca. 1507-1568): „Perch’al viso d’amor portav‘ insegna“
(Il secondo Libro de madrigali a cinque voci. Venetia 1555)

„Il Divino”

Adrian Willaert (ca. 1490-1562):
„O bene mio”, „Vecchie letrose” (Canzone villanesche alla napolitana. Venetia 1544)
„L´aura mia sacra“ (Musica nova. Venetia 1559)

L'arte di Diminuzione …

Cypriano da Rore (1515-1565): „Ancor che col partire“
(Il primo libro di Madrigali a quattro voci. Venetia 1547)
Giovanni Bassano (ca. 1558-1617): Diminuzioni sopra „Ancor che col partire“
(Ricercate, passaggi et cadentie per potersi esercitar nel diminuir terminatamente con ogni sorte di strumenti... Venetia 1585)

Motetti

Orlandus Lassus (1532-1594): „Peccantem me quotidie“
(Liber primus sacrarum cantionum quatuor vocum. Louvain 1569)
Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525-1594): „Peccantem me quotidie“
(Motettorum quae partim quinis, partim senis, partim octonis vocibus concinantur. Liber secundus. Venetia 1572)


Pause


London

Dances

Anthony Holborne (ca. 1545-1602): „Paradizo“, „Wanton“, „Muy linda“
(Pavans, Galliards, Almains and other short Aeirs both grave and light, in five parts, for Viols, Violins or other Musicall Winde Instruments. London 1599)

The Bassano family

Augustine Bassano (ca. 1535-1604): Pavane - Galliard
Jeronimo Bassano (1559-1635): Fantasia

Consort Songs

John Bennet (ca. 1575-ca. 1614): „Venus’ birds“
Alfonso Ferrabosco (ca. 1575-1628): „When Daphne from fair Phoebus did fly”
Anonymus: „How can the tree”
Anonymus: „When May is in his prime“

„Semper Dowland, semper dolens”

John Dowland (1563-1626): „Lachrimae Antiquae“, „The King of Denmark’s Galliard“
(Lachrimae, or Seaven Teares, figured in seaven passionate Pavans, with divers other Pavans; Galliards and Almands, set forth for the Lute, Viols, or Violons. London 1604)
„Sorrow, come!“

Motet/Psalm 85

Robert Ramsey (ca. 1590-1644): „Inclina Domine aurem tuam“

 

Kommentar zum Programm „Da Venezia a Londra“

Das Programm „Da Venezia a Londra“ bietet Einblicke in die beiden vielleicht gewichtigsten Zentren des Blockflötenspiels im Europa des 16. Jahrhunderts. Lockerer Leitfaden ist die Familiengeschichte der Bassanos, ursprünglich aus Bassano del Grappa sowie Venedig stammend. Berühmt wurden zunächst fünf Brüder, welche von Henry VIII. im Jahre 1539/40 als Blockflötenconsort an seinen Hof gerufen wurden. Sie arbeiteten dort zudem als Komponisten und Instrumentenbauer. Dieses Blockflötenconsort, 1550 auf sechs Spieler erweitert, blieb über drei Generationen am englischen Hof bis 1630 erhalten.

Rund um diese „Familiensaga“ zeigt unser Programm viele Facetten: eine musikalische Reise von Venedig nach London. Der erste Teil ist im übertragenen Sinne vielleicht vergleichbar mit den Palazzi der Lagunenstadt und ihrem großen Variantenreichtum? Im salotto erklingen bei der abendlichen serenata im Freundeskreis madrigali; in der Hauskapelle am Sonn- und Feiertag motetti. Das piano nobile in unserem „musikalischen Palazzo“ bewohnt Adrian Willaert, von seinen Zeitgenossen Il Divino – der Göttliche – genannt. Der gebürtige Flame und spätere Maestro di capella an San Marco kreiert mit den volkstümlich-doppelbödigen Canzone napolitane pure italianità und träumt mit L'aura nach einem Text von Petrarca einen wohl unsterblichen Traum.

Die delikate arte di Diminuzione ist zu hören am Beispiel des Madrigals Ancor che col partire. Eins der bekanntesten Stücke dieser Epoche erklingt in schlichter Originalfassung sowie ornamentiert mit sogenannten Diminutionen: virtuosen Umspielungen der ursprünglich ruhigen Melodie. Komponist ist Giovanni Bassano – ebenfalls Familienmitglied, jedoch in Venedig verbleibend. Hier war Giovanni maestro di musica an der Chiesa del Ospedaletto. In seinem ehemaligen Wohnhaus am Campo Santo Stefano kann man heute in einer Bar sehr guten Kaffee trinken …

Im zweiten Programmteil erklingt Musik, welche die Brüder Bassano in London kennen lernten, und solche, die sie selbst dort schrieben.

Was ist das für Musik? Lesen wir, was die Komponisten dazu sagen! Die Titel lauten zum Beispiel: „Pavans, Galliards, Almains and other short Aeirs both grave and light“, oder: „seaven passionate Pavans“. Gleichermaßen „gewichtig und leicht“ ist sie also, und die generell sehr gravitätischen Pavanen sind hier „leidenschaftlich“. Damit ist bereits viel gesagt: zum Beispiel über das wunderbare Gleichgewicht der Emotionen in einem Zeitalter, das die Melancholie zur nobelsten aller Seelenstimmungen stilisierte, aber nie ihre „Komplementärfarbe“, die Heiterkeit, aus den Augen verlor. Merry mellancholly gibt es so nur in England! Aber ebenso über die dunkle, tiefe passion, die Leidenschaftlichkeit der langsamen Tempi: die rollenden Tränen, von John Dowland mit der Pavan Lachryme archetypisch in ein Musikbild gefasst. Hiermit wurde der 21-jährige Dowland über Nacht in Europa berühmt.

Die ebenfalls für England typische Gattung des Consort Songs – ein (Solo)Lied, welches von auskomponierten instrumentalen Einzelstimmen begleitet wird – ist mit Sagen- und Mythen-Anklängen ebenso vertreten wie mit religiöser Meditation und Naturstimmungen, sowie mit einer kräftigen Prise zwei- (bis ein)deutiger Erotik.

Last but not least kommen auch Mitglieder der Bassano-Familie selbst zu Wort – kompositorische Zeugnisse der Renaissancemusik (Augustine Bassano) sowie eines „moderneren“, frühbarocken Idioms (Jeronimo Bassano), und damit einer täglichen Musikkultur am englischen Königshof, von deren einstiger Fülle heute leider nur wenig erhalten ist. Aber die Bassanos haben noch mehr zu erzählen – sie sprechen auch durch ihre Instrumente: Unsere Blockflöten sind Kopien nach Originalinstrumenten aus Wien, die vor ca. 500 Jahren in Teilen von Familienmitgliedern gebaut wurden. Mit großer Wahrscheinlichkeit hatte der zeitgleich am englischen Hof beschäftigte Shakespeare auch die Instrumente der Bassanos im Ohr, wenn er seinen Hamlet über die Blockflöte sinnieren lässt: „There’s a lot of music, excellent voice in this little instrument… !“

Sylvestro Ganassi „La Fontegara“, Frontispiz; Venedig 1535

„…naught so sweet as melancoly…“

Englische Musik der Shakespearezeit

Dieses Programm mit Werken von John Dowland, William Byrd, Alfonso Ferrabosco, Christopher Tye, John Bull, Anthony Holborne und anderen ist gerade in Vorbereitung.

Robert Burton: "The Anatomy of Melancoly", 1652, Frontispiz